Politisch bilden – direkt vor Ort

von am 18. September 2017 in Artikel-Archiv

Vier Tage Berlin inklusive Vollpension, An- und Abfahrt sowie einem großen Programm – was klingt wie ein Urlaub, ist tatsächlich ein Angebot des Bundespresseamtes in Berlin. Das Angebot steht für jeden offen und ist – bis auf ein paar Trink- und Eintrittsgelder – kostenfrei. Man sollte nur einen Bundestagsabgeordneten vor Ort kennen, denn diese laden ein. Lindenhof aktuell folgte einer Einladung des Mannheimer SPD-Abgeordneten Stefan Rebmann. 

Bis zu drei Berlinreisen in Gruppen von 50 Personen stehen jedem Mitglied des Bundestages pro Jahr zu. Das Bundespresseamt möchte so den Abgeordneten die Möglichkeit bieten, wichtige Basisarbeit zu leisten. Dieses Angebot nutzt Stefan Rebmann gerne. „Unsere Arbeit soll ja für alle Bürger transparent sein, mit dieser Reise kann man viel Einblick in die Arbeit eines Abgeordneten bekommen. Was wir als Politiker brauchen, ist die Nähe zum Bürger“, so der Politiker. „Ich nehme auch immer gerne die Meinung der Leute auf und mit nach Berlin. Wenn etwas beispielsweise gar nicht ankommt, so hat man dann die Chance nachzubessern. Bei dieser Reise sehen dann die Leute, wie das funktionieren kann.“ Rebmann, der in diesem Monat für die SPD auch wieder zur Bundestagswahl antritt, betont dabei vehement, dass wirklich jeder sich für solch eine Reise in seinem Büro bewerben kann: „Das ist kein Angebot für Parteisoldaten und auch unabhängig von der Parteizugehörigkeit oder politischen Vorlieben. Das Angebot gilt für alle“.

Dies vermittelt auch schon der Titel der Reise: „Bildungsreise für politisch Interessierte“. Doch wer dahinter einen entspannten Urlaub in der Hauptstadt vermutet, der irrt sich: Das Programm an den vier Tagen ist von morgens bis abends straff durchge–plant und absolut verpflichtend. Klingt streng, ist zeitweise auch ein wenig anstrengend, aber mit Sicherheit lohnend und hoch interessant.

Grundsätzlich gibt es vier Eckpunkte, die bei jeder Reise fest stehen: ein Besuch im Bundestag mit dem Bundestagsabgeordneten und anschließender Besichtigung der Kuppel, ein Besuch in einem Ministerium, eine Stadtrundfahrt zu politisch relevanten Orten sowie die Besuche von Gedenkstätten, Ausstellungen oder Projekten von Initiativen. Und in einer geschichtsträchtigen Stadt wie Berlin gibt es da viele Möglichkeiten. Bei der Reise, an der Lindenhof aktuell teilnahm, standen beispielsweise der Besuch des Hauses der Wannsee-Konferenz, des Deutschen Historischen Museums sowie des Auswärtigen Amtes auf dem Programm – bei letzerem gab es ein sehr informatives Gespräch mit dem ehemaligen Botschafter Adolf von Wagner, der dabei auch schwierigen Fragen nicht auswich und pointiert und ehrlich antwortete.

Bemerkenswert war aber vor allem der Besuch der ehemaligen Stasi-Haftanstalt Hohenschönhausen, wo Geschichte noch sehr greifbar ist – die Anstalt war schließlich vor weniger als 30 Jahren noch in Betrieb. Persönliche Utensilien, wie beispielsweise Pantoffeln, stehen noch in den Zimmern, als ob der Insasse nur mal kurz weg wäre. Triste Tapeten, Originaleinrichtung, dazu ehemalige Gefangene, die über den Alltag dort berichten – ein Besuch, der einen bis ins Mark trifft.

Sehr informativ war dann der Besuch im Reichtagsgebäude, auch wenn es dort ebenfalls nachdenklich stimmende Momente gab. So führte Stefan Rebmann die Gruppe an eine Mauer, an der sich russische Soldaten zum Ende des Zweiten Weltkrieges verewigt hatten. Rebmann berichtete von einem Besucher, der vor einiger Zeit vor dieser Mauer in Tränen ausbrach – er hatte seine Inschrift auf der Wand wieder erkannt.

Ehe zum Abschluss die Kuppel des Reichtages besucht wurde, führte Rebmann die Besucher noch in ein paar Ecken, die für die Öffentlichkeit normalerweise nicht zugänglich sind, wie beispielsweise die Präsenzbibliothek des Bundestages, in der die Protokolle aller  Sitzungen des Bundestages einsehbar sind. Rebmann stand Rede und Antwort und erläuterte natürlich auch, wie so der Alltag eines Abgeordneten aussieht. Die Termine, so wurde schnell klar, müssen da sorgfältig ausgewählt werden, denn in der Fülle von Sitzungen, Arbeitsgruppen und Einladungen sollte man sich auf das Wesentliche konzentrieren, so Rebmann. „Da kann man sich schnell verlieren. Lieber seine Sachen richtig machen“. Deshalb sei es unabdingbar, dass manche Bundestagssitzungen manchmal spärlich besucht seien. „Wenn ich jeder beiwohnen würde, käme ich zu nichts anderem. Zumal mich viele Themen in meiner Arbeit gar nichts angehen“. Spezialisierung bedeute so Effizienz.

Alles in allem ist diese Reise in die Hauptstadt, die jeder Bundestagsabgeordnete mit Unterstützung des Bundespresseamtes anbieten kann, ein sehr informatives und sinnvolles Angebot. Es schärft den Blick auf Berlin und die große Politik und erweckt das geschichtliche Bewusstsein gleichermaßen, so dass man manches nach der Heimkehr möglicherweise mit ganz anderen Augen sieht.           sabi

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