Keine Zeit zum „Altsein“

von am 14. Juli 2014 in Artikel-Archiv

„Das hätte ich nie geglaubt.“ Charlotte Ilmer sitzt sichtlich gerührt in ihrem Sessel. Dauernd läutet es an der Haustüre, das Telefon steht nicht still. Der Grund: Die Seniorin feierte vor kurzem ihren 100. Geburtstag. Und das bei bester Gesundheit und in ihren eigenen vier Wänden im Almenhof, wo sie seit über zehn Jahren wohnt.

 Doch Charlotte Ilmer ist keine gebürtige Mannheimerin. Ihr Dialekt verrät es, sie kommt aus Ostdeutschland. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte das Geburtstagskind in Jena. Dort arbeitete sie auch mehrere Jahre beim Unternehmen Zeiss. „Dann habe ich 1938 geheiratet, und es ging direkt nach Bamberg“, erinnert sie sich an die nächste Station in ihrem Leben, die nicht die letzte bleiben sollte. Ihr Mann Werner, der mit gesegneten 95 Jahren verstarb, war beim Militär und wurde öfter versetzt. So auch am 6. Dezember 1957, als sie mit ihm und ihren Kindern nach Worms zog. „Dort hat es mir am besten gefallen“, sagt sie heute und denkt an ihre „schöne Wohnung in einem neuen Haus“ in Pfeddersheim.

In Worms engagierten sich Charlotte und Werner Ilmer in verschiedenen Vereinen, vor allem im Ruderclub, in der Kasino- und Musikgesellschaft sowie in der Europa Union, die nach eigenen Angaben größte Bürgerinitiative für Europa, die sich überparteilich für die europäische Einigung engagiert. „Das war damals sehr ungewöhnlich“, erklärt Charlotte Ilmers Tochter Petra Straub. Die Aufgeschlossenheit und das soziale Engagement, das die Jubilarin bis zum heutigen Tag – soweit es ihr möglich ist – noch lebt, habe sie von den Eltern mitbekommen. „Auch die Geburtstadt Jena spielt eine Rolle“, so Petra Straub. Schon damals Heimat von zahlreichen Philosophen und Studenten, sei Jena immer aufgeschlossen gewesen, erläutert das Geburtstagskind, das immer noch von ihrer thüringischen Heimat schwärmt. „Dort gibt es so viel Grün, so viele Bäume.“

Charlotte Ilmer lacht gerne. „Sie hat einen trockenen Humor“, sagt ihre Tochter. Und sie liebt es, Fußballspiele im Fernsehen zu verfolgen. Einen Lieblingsverein habe sie nicht. „Aber mich ärgert es immer, wenn die Partie zu hart wird. Dann ist das kein richtiges Spiel mehr“,  so die 100-Jährige. Nachrichten sind ebenfalls ein Muss, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Mit etwa 90 Jahren kam Charlotte Ilmer, damals noch mit ihrem Mann und auf Initiative der Tochter, nach Mannheim. Dort wird sie von ihrer Familie umsorgt, die sich liebevoll um die Seniorin kümmert. Und ihr damit auch viel zurückgibt: „Wir waren einmal im Skiurlaub, als unsere Tochter Windpocken bekam“, erzählt Petra Straub. Ohne zu zögern machten sich Großmutter Charlotte und Großvater Werner damals auf den Weg, um das kranke Kind abzuholen und gesund zu pflegen. „Sie haben sich immer für andere eingesetzt“, verrät auch Henning Ilmer.

Und was macht man sonst noch so mit 100 Jahren? „Schmalz“, sagt Sohn Henning sofort lachend, meint damit Filme von Rosamunde Pilcher und Co., die Charlotte Ilmer ebenfalls mit Begeisterung anschaut. Außerdem bekomme sie viel Besuch und sei häufig mit der Verwandtschaft im Stadtteil spazieren. Zum „Altsein“ hat Charlotte Ilmer also kaum Zeit.

Apropos: Wie alt würde sie denn gerne noch werden? Die Jubilarin lacht laut auf, nennt keine konkrete Zahl. Ihre Kinder hingegen erzählen vom angeheirateten Onkel und seinen 103 Jahren. Den wolle sie noch überholen.              jm

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