„Es werden keine Plätze abgebaut“

von am 19. März 2018 in Artikel-Archiv

„Es werden keine Plätze abgebaut“
Kindergarten St. Josef: „Das Haus ist als Kindergartengebäude nicht mehr tragbar“. Bild: Millenet

In der letzten Ausgabe berichtete Lindenhof aktuell von der möglichen Schließung des St. Josef-Kindergartens in der Bellenstraße. Die Informationen dazu stammten vom Elternbeirat des Kindergartens, der dieses Thema bereits im Dezember im Bezirksbeirat ansprach. Nun bestätigt auch Pfarrer Martin Wetzel, Stiftungsratsvorsitzender und Leiter der Seelsorgeeinheit Mannheim Südwest, die den Kindergarten unterhält, dass die Tore in der Bellenstraße früher oder später geschlossen werden. Wobei er nicht von einer Schließung des Kindergartens, sondern von einer Verlegung der Plätze in den Almenhof spricht.

Wetzel begründet die Pläne: „Nach unserer Einschätzung kann das Haus langfristig nicht als Kindergarten betrieben werden.“ Allerdings konnte er „langfristig“ noch nicht genau beziffern. „Da gibt es keine klaren Daten. Wir haben ein günstiges Gelände für einen Kindergartenneubau beim jetzigen Kindergarten Maria Hilf im Almenhof.“ Man wolle dort gemeinsam für die Kindergärten St. Josef und Maria Hilf bauen, die Gruppen somit zusammenlegen.
Das Gebäude, in dem der Kindergarten St. Josef derzeit untergebracht ist, hat laut Pfarrer Wetzel nicht nur ein zu kleines Außengelände. „Das ist jetzt schon am Rande des Genehmigungsfähigen.“ Zudem sei das Gebäude nicht barrierefrei zugänglich. „Doch genau das sind die Bereiche, in denen der Staat nach und nach seine Vorschriften verschärft“, sagt Wetzel. „Das heißt, es kann durchaus passieren, dass der Kindergarten wegen des kleinen Geländes und der fehlenden Barrierefreiheit sowieso bald nicht mehr betrieben werden könnte“, gibt er zu bedenken. Dazu würden die schwierigen Brandschutzgeschichten kommen. Zwar sei der provisorische Treppenturm errichtet worden. „Doch das ist im Grunde nur eine Notlösung“, so Wetzel. Das obere Stockwerk des Gebäudes steht aktuell leer. „Wir können es nicht nutzen“, erklärt der Pfarrer. Denn, um dorthin zu gelangen, müsste man durch das Treppenhaus des Kindergartens laufen. „Nach den heutigen Vorschriften geht das nicht mehr. Das wäre Gefährdung des Kindeswohls, wenn Mieter einfach an den Kindern vorbeigehen“, erläutert er. Aus diesem Grund können auch die Pläne, den Caritas-Hort dort einzuquartieren, nicht durchgeführt werden. Die Hortkinder sind derzeit im Gebäude der Diesterwegschule untergebracht, da die ehemaligen Hort-Räumlichkeiten im Gemeindehaus in der Bellenstraße wegen unzureichender Brandschutzmaßnahmen zu diesem Zweck nicht mehr genutzt werden dürfen.
Das obere Stockwerk des Kindergartengebäudes könnte hingegen nur dann genutzt werden, wenn es durch einen externen, gemauerten Treppenturm mit Aufzug erreichbar wäre. „Das geht weit über unsere Möglichkeiten“, sagt Martin Wetzel. Fazit: „Das Haus ist als Kindergartengebäude nicht mehr tragbar. Und das ist nicht unsere persönliche Einstellung, sondern wir haben einen Kindergartenarchitekten herangezogen.“ Und dessen Gutachten habe dies ebenfalls bestätigt. „Wir müssen uns nun also auf den Standort Maria Hilf konzentrieren.“ Das Haus in der Bellenstraße werde aller Voraussicht nach verkauft, um den Neubau des neuen Kindergartens damit teilweise zu finanzieren, so Wetzel.
Wie man es dreht und wendet: Letztendlich verliert der Lindenhof dadurch rund 40 Kindergartenplätze. Doch von einer Verschärfung der Kindergartenplatzsituation durch die Verlagerung will der Pfarrer nicht sprechen. „Das kann man so pauschal nicht sagen, denn es werden keine Betreuungsplätze abgebaut“, so Wetzel. Für die Menschen im südlichen Lindenhof sei der Neubau sogar näher gelegen, als das Haus in der Bellenstraße. Doch er fügte hinzu, dass der Weg für einige durchaus weiter sei. „Die meisten Eltern bringen ihre Kinder mit dem Auto zum Kindergarten. Für die ist es einfacher, da bei Maria Hilf mehr Parkplätze zur Verfügung stehen“, sagt Wetzel.
Wann der Umzug stattfindet, steht noch in den Sternen. „Zurzeit laufen Verhandlungen mit der Stadt. Es geht unter anderem darum, wann wir die Genehmigung für den Neubau in Maria Hilf haben. Es geht aber auch um die Bezuschussung seitens der Stadt.“
Ebenfalls müsse noch abgewogen werden, für wie viele Gruppen der Neubau entstehen soll, und der Bau müsse von einem Architekten geplant werden. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass vor 2020 oder 2021 dort etwas stehen wird“, so der Stiftungsratsvorsitzende. „Das wäre sehr sportlich.“ Auch Arbeitsplätze gehen laut Wetzel nicht verloren. Die Erzieherinnen aus der Bellenstraße würden mit nach Maria Hilf ziehen.
Die Stadt Mannheim spricht ebenfalls nicht von einem Verlust an Kindergartenplätzen auf dem Lindenhof. Aus einem ganz bestimmten Grund: „Wegen der baulichen Gegebenheiten in den Stadtteilen und des Nachfrageverhaltens der Eltern werden Lindenhof, Almenhof, Neckarau und Niederfeld mit Blick auf den vorschulischen Bildungsbereich (Tagesbetreuung der unter Dreijährigen und Kindergartenalter) gemeinsam als so genannter Planungscluster betrachtet“, heißt es auf Anfrage. Denn Kinder aus allen Stadtteilen besuchten Tageseinrichtungen in allen Stadtteilen. „Die Stadtteilgrenzen sind für Eltern bei der Wahl der Tageseinrichtung fließend“, so die Stadt Mannheim. Die Neubau-Pläne der katholischen Kirche stellten daher auch keinen Verlust von Kindergartenplätzen dar. „Vielmehr kämen am von der katholischen Kirche getragenen Kindergartenstandort Maria Hilf zu den drei bereits bestehenden Kindergartengruppen die Kindergartengruppen der Einrichtung St. Josef hinzu. Zusätzlich sollen zwei neue Krippengruppen entstehen. Im Kindergartenbereich bleiben also bestehende Plätze erhalten und werden durch Krippengruppen ergänzt.  Dieser Neubau wird gemäß den vom Gemeinderat verabschiedeten Investitionskostenzuschussrichtlinien der Stadt Mannheim bezuschusst“, schreibt die Stadt.
Der Elternbeirat des St. Josef-Kindergartens hingegen zeigt sich entsetzt und blickt auf alle Eltern kleiner Kinder im Stadtteil. Er teilte Lindenhof aktuell mit: „Für die betroffenen Eltern im Lindenhof ist es ein Schlag ins Gesicht, dass die Stadt nicht versucht, den Standort im Lindenhof zu halten und stattdessen den Neubau in dieser Größe genehmigen und bezuschussen will.“ Es seien jetzt schon viele Kinder im Stadtteil nicht mit einem Kindergartenplatz versorgt. Ein Wegfall der 40 St. Josef-Plätze – und damit Plätze, die für Eltern und Kinder des Lindenhofs zu Fuß erreichbar seien – würde die Situation der Betroffenen noch verschärfen. Gerade die Erreichbarkeit zu Fuß ist für die Eltern des Stadtteils wichtig. So heißt es seitens des Elternbeirats: „So mancher Lindenhöfer verzichtet aufgrund der Nähe zum Bahnhof und der Quadrate auf ein Auto und entspannt dadurch die Parksituation. Nun wird er für den Transport der Kinder zum Kindergarten wieder eines anschaffen müssen. Eine halbe Stunde einfach läuft man mit Kindern nicht zweimal täglich, vor allem, wenn man danach ab dem Hauptbahnhof zur Arbeit pendelt.“
Daraus resultiert eine Frage, die sich nicht nur der Elternbeirat stellt. Warum sind bei der Planung des Glückstein-Quartiers, das bekanntermaßen weitere Anwohner in den Lindenhof locken soll, keine Kindergartenplätze berücksichtigt? „Bei der Planung des Glücksteinquartiers wurde kein Grundstück zur Schaffung einer Tageseinrichtung für Kinder vorgesehen. In den dort entstehenden Gebäuden bietet sich keine Möglichkeit, Räume für Tageseinrichtungen zu verorten“, so die Antwort seitens der Stadt. Dennoch ist ein Stillstand in dieser Sache nicht vorgesehen – zumindest, was das beschriebene Kindergarten-Cluster betrifft. „Bis 2021 beabsichtigen wir, sechs neue Krippen- und sechs neue Kindergartengruppen zu schaffen. Um die Kindergartensituation schnell entspannen zu können, sollen im Vorgriff auf die neuen Gruppen – idealerweise zum Kindergartenjahr 2018/2019 – vorübergehend eine beziehungsweise zwei Draußengruppen für Kindergartenkinder geschaffen werden. Sie sollen nach Beendigung der Bauaktivitäten in die neu entstehenden Kinderhäuser als reguläre Kindergartengruppen eingebunden werden“, schreibt die Stadt Mannheim ohne genauer darauf einzugehen, wo genau die Gruppen entstehen sollen. Mit Draußengruppen meint sie alle Gruppen, die nicht in einem festen Gebäude beheimatet sind, wie zum Beispiel Wald- oder Wiesengruppen. Und weiter: „Sollten sich die Kinderzahlen weiter nach oben entwickeln, wird geprüft, ob zusätzlich zwei Krippen- und drei Kindergartengruppen geschaffen werden.“
Im Großen und Ganzen scheint sich in nächster Zeit also einiges zu tun. Ob damit jeder im Lindenhof zufrieden sein wird, ist fraglich.
Allerdings kämpfen andere Stadtteile mit ähnlichen Problemen. Ausbauwünsche gebe es auch in verschiedenen anderen Planungsgebieten der Stadt, heißt es im Verwaltungsschreiben. Dem stünden jedoch begrenzte finanzielle Mittel gegenüber. „Neben der Verwaltung muss auch die Politik abwägen, welche Maßnahmen in Mannheim mit den zur Verfügung stehenden Mitteln prioritär umgesetzt werden und welche nachrangig. Gleichwohl werden wir alles daran setzen, die angespannte Situation zu entspannen“, schreibt die Stadt abschließend.              jm

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