Der Fußball oder die Fotografie?

von am 20. April 2015 in Artikel-Archiv

„Die Kamera lag da einfach herum“, sagt er. Eine klassische Brownie, wie Horst Hamann erklärt. Als Jugendlicher bekam er sie in die Hände. „Nichts Besonderes“, so der 57-Jährige. Was aber vielleicht nicht ganz richtig ist. Denn diese nicht besondere Kamera ist der Grundstein für Hamanns Erfolg. Und dieser wurde im Lindenhof gelegt.

Genauer: In der Bellenstraße 52, wo Horst Hamann einst mit seiner Mutter und seinen zwei jüngeren Brüdern Matthias und Johannes im fünften Stock lebte. Heute ist er ein weltbekannter und viel gefragter Fotograf. Sein Fotoband „New York Vertical“ aus den 1990er Jahren war ein Bestseller. Als erster lebender deutscher Fotograf erhielt er von 1998 bis 1999 eine halbjährige Einzelausstellung im Museum of the City of New York. Horst Hamann wurde zum Weltmensch, lebte unter anderem viele Jahre in New York und kehrte 2009 mit seiner Familie nach Deutschland zurück. Was immer blieb, ist sein Mannheimer Akzent und die Verbundenheit mit seiner Geburtsstadt.

Für „Lindenhof aktuell“ blickte Horst Hamann gemeinsam mit seiner Mutter Maria noch einmal auf seine Kindheits- und Jugendjahre zurück. Eine spannende Zeit, wäre er doch fast Fußballprofi geworden. Eine bewegende Zeit zwischen noch vorhandenen Kriegstrümmern und den Straßen des Lindenhofs. Eine lehrreiche Zeit mit seinen ersten Schritten in der Fotografie.

Es war 1961, als die Hamanns von Neckarhausen in die Bellenstraße zogen. Horst Hamann war drei Jahre alt und besuchte dann den Kindergarten St. Josef, genau gegenüber von ihrem Wohnhaus. „Damals kümmerten sich noch Schwestern um die Kinder“, erinnert sich Maria Hamann, die die Kleinen vom Fenster aus beobachten konnte. „Meine schönsten Erinnerungen sind die an die Bellenstraße“, fügt sie gleich hinzu. Nach dem Kindergarten besuchte ihr Ältester die Diesterwegschule.

Auch Horst Hamanns Erinnerungen an den Lindenhof sind prägend. „Das Leben spielte sich auf der Straße ab“, erzählt der Fotograf. Und er mittendrin. Fußballspielen auf Kellerfenster, auf den Garagendächern der Hinterhöfe herumturnen – alles, was Kinder eben gerne machen. Sein Traum: Nationalspieler werden.

Seine ersten richtigen Fußballschuhe bekam der damals elfjährige Horst von einem Patienten des Heinrich-Lanz-Krankenhauses geschenkt, in dem seine Mutter viele Jahre als Krankenschwester arbeitete. „Er hat sich schon immer für Fußball interessiert“, bestätigt Maria Hamann. Seine ersten Karriereschritte im Fußball spielten sich nach dem „Fuddeln“ auf der Straße auch auf dem „Plätzel“ ab. So nannten die Jungs den Bolzplatz beim heutigen Hanns-Glückstein-Park. Der Fußballplatz, der sich in der Nähe der Jugendherberge befindet, diente ebenfalls als jugendliches Trainingszentrum. Dort verbrachte der junge Hamann viele Stunden.

Horst Hamann sehnt sich ab und zu nach seinen Kindheitstagen im Lindenhof zurück. Er sieht nun selbst seine zwei Söhne, Mateo (18) und Paolo (14), aufwachsen. Beide wurden in Amerika geboren. „Damals gab es kein Internet. Wir hatten nur zwei Fernsehprogramme – man musste einfach die ganze Zeit raus.“ So etwas würden seine Kinder heute ja gar nicht mehr mitbekommen.

Als Elfjähriger erhielt Horst Hamann, der im Anschluss an die Diesterwegschule das Johann-Sebastian-Bach-Gymnasium in Neckarau besuchte, nicht nur die Fußballschuhe, sondern auch die erwähnte Kamera. „Die hat er von einem Kaplan bekommen“, klärt Maria Hamann auf. Der doppeläugige Apparat, bei dem das Sucherbild auf dem Kopf steht, weckte sein Interesse. „Sie hatte noch einen Rollfilm. Das war ziemlich kompliziert“, erzählt Horst Hamann. Doch als er das alles gemeistert hatte, war er fasziniert. So manche Schulstunde fiel dem Fotografieren zum Opfer. Die Filme brachte er in eine nahe gelegene Apotheke, wo sie entwickelt wurden. Später entwickelte er sie selbst in der Dunkelkammer. Auch dort spendete Horst Hamann viel Lebenszeit, brachte sich das Handwerk rund um die Fotografie selbst bei. „Er ist immer in den Waldpark gegangen und hat fotografiert“, sagt Mutter Hamann. Das schönste Foto, das sie von ihrem Sohn bekam, sei ein Bild vom „Bellenkrappen“.

Doch diese Aufnahme ist bereits zu Farbfilmzeiten entstanden. Horst Hamanns erstes bewusst aufgenommenes Schwarz-Weiß-Foto entstand seiner Erinnerung nach einst in der Bellenstraße. 1969 lichtete er ein paar Freunde ab, die auf der Mauer des Kindergartens saßen. „Das Foto habe ich noch irgendwo“, so Hamann. Es sei neben der „Bellenkrappen“-Aufnahme eines der Schlüsselbilder aus der Zeit im Lindenhof. Sein elftes Lebensjahr stellte allerdings noch weitere Weichen. Er startete sein Vereinsleben beim MFC 08 Lindenhof. Sein Werdegang als Kicker führte ihn mit 18 über Neckarhausen bis nach Weinheim, wo er als 20-Jähriger für den FV 09 Weinheim in der Oberliga kickte. Doch dem Lindenhöfer Verein hielt Horst Hamann bis dahin viele Jahre die Treue. 1969 trat er in die D-Jugend des 08er ein. „Wir waren sehr erfolgreich, hatten einen tollen Trainer und einen prima Spielerstamm“, schwärmt der 56-Jährige heute noch. Es dauerte eine Weile, bis er seine Position fand. Er wurde Stürmer. „Dann habe ich eingelocht. Nonstop“, sagt Hamann lachend. Und das die gesamte Fußballlaufbahn lang, weshalb er letztendlich auch in Weinheim landete – und sich früher oder später für die Fotografie oder den Profifußball entscheiden musste. Die Fotografie siegte.

„Mit dem MFC sind wir ganz schön herumgekommen“, blickt Hamann auf die Zeit vor Weinheim zurück. Ein fester Spielerstamm von acht, neun Spielern blieb bis in die A-Jugend zusammen. 1976 warb ein Verein in Neckarhausen Stürmer Hamann an. „Mit 18 begann somit meine Aktivität im Fußball.“ Familie Hamann wohnte zu dieser Zeit schon in der Feldbergstraße im Niederfeld. Der Wegzug aus der Bellenstraße war 1971. Maria Hamann bekam vom Lanz-Krankenhaus, das bereits ein Jahr zuvor von der Meerfeldstraße ins Niederfeld verlegt wurde, dort eine Wohnung. Damit endete Horst Hamanns Zeit auf dem Lindenhof.

Wenn er heute durch die Bellenstraße läuft, spulen sich seine Erinnerungen wie ein Film vor seinen Augen ab. „Damals, als wir kamen, gab es teilweise noch Kriegsruinen“, erzählt er. Bis heute habe sich in seiner Straße wenig verändert. Und bis heute denkt er oft an den Lindenhof zurück. „Wir reden viel über diese Zeit“, sagt seine Mutter. Was sich ebenfalls nicht geändert hat, ist seine Liebe zum Fußball, die er nun mit seiner fotografischen Passion verbunden hat. Zum Beispiel hat er 2006 alle noch lebenden 75 deutschen Fußballweltmeister fotografiert. Später lichtete er die deutschen Fußballweltmeisterinnen ab – allerdings nicht mehr mit einer Brownie.        jm

 

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